Kapitel 1

Kapitel 1

Die meisten Dinge vor denen du Angst hast oder dir Sorgen machst, werden nicht geschehen! Verschwende deine wertvolle Zeit nicht darauf!“

~Anthony Robbins~

Nein, nein! Das darf nicht passieren! Nicht schon wieder!“

Mit einem markerschütternden Schrei erwachte Fæolin und konnte sich gerade noch vor einem schmerzhaften Sturz vom Bett retten. Verstört stellte sie fest, dass ihr Nachthemd feucht an ihrem Körper klebte und ihr Haar wirr vom Kopf abstand. Mit angewiderter Miene wälzte sie sich herum und stemmte ihren Körper in eine hockende Position. Er fühlte sich an als wöge er mehr als der ganze Palast auf einmal. Wütend wischte sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und versuchte sich zu beruhigen.

Du musst dich beruhigen, jetzt sofort!“ flüsterte sie sich selbst zu und wiederholte im Geiste die Atem- und Beruhigungstechniken, die sie im Unterricht mit Idhren so oft durchgegangen war. Stück für Stück gewann Fæolin ihre Beherrschung zurück und spürte wie der Druck in ihrer Brust nachließ. „Puh, das war knapp!“

Mit einem Seufzer erhob sie sich und wankte auf noch wackligen Beinen ins Badezimmer. Der helle Mondschein fiel durch das Fenster und sorgte für eine unheimliche Atmosphäre, die sich in perfekter Harmonie mit ihrer hin und hergerissenen Stimmung befand.

Sie öffnete den Wasserhahn und ließ eiskaltes Wasser über ihre Hände rinnen. Ein paar Spritzer landeten in ihrem Nacken und auf ihrer Stirn. Missmutig betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel. Sie wusste zwar, dass sie nach solchen Nächten nie besonders ansehnlich war, aber dieses Mal zeichneten sich die Spuren deutlich ab: ihre sonst so klaren Augen waren rot umrändert und tiefe Sorgenfalten gruben sich in ihre Stirn. Ihr leuchtendes Strahlen, das sie sonst so stolz präsentierte, glich nur noch einem matten Schimmer.

Du musst dich zusammenreißen, Fæolin! Ansonsten sind wir alle verloren. Irgendwann wird die Barriere dauerhaften Schaden nehmen, wenn du es nicht endlich schaffst, deine Gefühle in den Griff zu bekommen!“, schalt sie sich selbst. Allmählich wurden diese Selbstgespräche zur Routine und sie selbst zu ihrer allerbesten Freundin.

Diese trüben Gedanken rangen ihr dennoch ein müdes Lächeln ab und sie beschloss, sich zu ihrer ganz eigenen Quelle der Kraft zu begeben, da sie heute Nacht ohnehin keinen Schlaf mehr abbekommen würde.

Zeitgleich fiel jemand ganz anderes, viele Kilometer weiter, erschöpft ins Bett. Gänzlich bekleidet, ohne Dusche oder einen Bissen zu essen, plumpste Noah in die erlösenden Federn. Er dachte er könne nie wieder aufstehen, er fühlte sich ausgelaugt.

Noah, Schatz, ich hab dir ein Sandwich übrig gelassen.“ Die fröhliche Stimme seiner Mutter ließ ihn wieder etwas munterer werden, jedoch hatte er gerade wenig Lust auf ihre aufgedrehte Art. Er wusste ja, dass sie es nur gut meinte, aber ab und zu ging sie ihm mit ihrem gluckenhaften Verhalten wirklich auf die Nerven und nicht selten brachte sie ihn regelrecht auf die Palme.

Deshalb schnappte er sich schnell die Decke, zog sie sich über den Kopf und knipste das Licht aus. Er versuchte seinen Atem so klingen zu lassen als sei er bereits eingeschlafen.

Schwungvoll öffnete sich die Tür und seine Mutter trat ein. Er hörte wie sie abrupt abbremste, als sie bemerkte dass er schlief. Enttäuscht murmelte sie vor sich hin. „Wovon ist dieses Kind denn immer so müde, dass er nicht mal mehr etwas essen kann?“ Schnaubend stellte sie den Teller auf seinem Nachttisch ab und trabte davon, jedoch nicht ohne die Tür einen Ticken zu laut zuzuknallen.

Noah grinste. Manchmal war seine Mum doch echt der Knüller. In der einen Minute tänzelte sie um ihn herum, versuchte ihm alle Wünsche zu erfüllen und dafür zu sorgen, dass es ihrem einzigen Sohn an nichts mangelt, und direkt einen Augenblick später war sie die Furie in Person, wenn er ihre Bemühungen nicht zu schätzen wusste, oder mal wieder nicht nach ihren Vorstellungen handelte. Er liebte seine Mutter über alles und wusste sehr wohl zu schätzen was sie alles für ihn tat, aber das hieß nicht, dass er nicht seine eigene Meinung vertrat und auch vehement dafür einstand. Er war nun wirklich alt genug, eigene Entscheidungen zu treffen, und zu diesen stand er, immer, egal wer oder was ihm in die Quere kam oder versuchte, ihn von seinem Weg abzubringen. Außerdem war er ein durch und durch ehrlicher Mensch, und schaffte es stets, mit diesem Wahrheitsbedürfnis und seinem Gerechtigkeitssinn, überall anzuecken und sich Feinde zu machen.

Nichtsdestotrotz war seine Mum immer da, auch wenn sie seinen Lebensstil nicht richtig fand und diesen weit mehr als nur einmal lautstark verurteilt hatte.

Seufzend drehte er sich herum und befreite seinen Kopf von der schweren Decke um endlich wieder Luft zu bekommen. Er hatte nicht vor von dem Sandwich zu essen, es sei denn es kroch freiwillig in seinen Mund, was er jedoch stark bezweifelte. Er fühlte sich so matt, dass sich keins seiner Glieder auch nur einen Millimeter bewegen würde, selbst wenn er es wollte. So blieb er einfach still liegen und schlief fast augenblicklich ein. Und träumte wieder einmal von dem wunderschönen Mädchen, der einen besonderen Königlichen mit dem feuerroten Haar, das ihn fast jede Nacht in seinen Träumen besuchte…..

Da war er, der wunderschöne Baum der Transformation, Àmdir. Strahlend weiß mit gold-violetten Farblinien durchzogen, die jedoch verschwanden, je konzentrierter man hinsah. Egal wann sie hierher kam, schon beim bloßen Anblick dieses imposanten Naturphänomens wurde ihr warm ums Herz und sie spürte seine unglaubliche Macht.

Wie bei allen naturgegebenen Herrlichkeiten spürte sie auch hier die besondere Schwingung und die wortlose Kommunikation, die die Natur stetig mit ihr betrieb. Das konnte ein wohliges Summen, ein kleines Kribbeln oder ein kaum hörbares Flüstern sein. Fæolin liebte die Natur und die Natur liebte Fæolin. Es war für sie das normalste der Welt mit den Wesen und Pflanzen der Natur auf die ein oder andere Art zu kommunizieren, niemals hätte sie das in Frage gestellt. Und dieses Wunder, das inmitten des lauwarmen Sees lag, strahlte eine ganz besondere Magie aus, von welcher Fæolin immer wieder gerne ihre Kraft bezog.

So wie der Baum hatte auch der See etwas ganz Besonderes: in den alten Geschichten erzählte man, dass sowohl Tingilya selbst als auch der See aus der Urträne, Nîn, entstanden. Und der See barg nach wie vor ein Meer aus Tränen, aus denen der Baum wiederum seine Lebenskraft bezog. Weiter erzählt die Legende, dass dieses Meer an Tränen von der Urwächterin vergossen wurden, als sie sich mit dem Baum der Transformation verband.

Leichtfüßig watete sie in das kühle Nass und freute sich über die willkommene Abkühlung nach dieser nervenaufreibenden Nacht. Noch immer scheinte der Mond hell und spiegelte sich in den kleinen kreisenden Wirbeln, die ihre Bewegungen auslösten.

Lächelnd betrachtete sie die bunten Spiegelungen, die sich in immer größer werdenden Wellen über den gesamten See ausbreiteten.

Je näher sie dem großen Baum kam, desto stärker wurde das wohlige Prickeln auf ihrer Haut und sie spürte seine übernatürliche Macht. Sie ging weiter, bis sie so weit davor stand, dass sie ihn mit der Hand berühren konnte. Àmdir antwortete prompt indem er Fæolin eine wonnige Welle des Glücks bescherte. Die stille Kommunikation war fast greifbar.

Fæolin spürte wie die Furchen aus ihrem Gesicht wichen, ihr inneres Strahlen kehrte zurück und ihre türkise Augenfarbe glich wieder dem tiefsten Inneren eines wunderschönen Meers, wie es bei ihr eigentlich üblich war.

Wir werden beobachtet!“ Amdirs Warnung versetzte Fæolin in Alarmbereitschaft und ein leises Geräusch am Ufer ließ sie überrascht herumfahren. Instinktiv ging sie in eine geduckte Position, denn auch wenn sie eine friedfertige Wächterin war, gegen ihre Instinkte kam auch eine Wächterin nicht an. Mit scharfem Blick fokussierte sie sich in die Richtung aus der das Geräusch kam. Es dauerte einige Sekunden bis sie etwas warhnahm, doch da sah sie es: eine dunkle Gestalt die gemütlich am Ufer entlang schlenderte. Fæolin schnaubte: „Als sei es das Normalste der Welt mitten in der Nacht einen Spaziergang am See zu veranstalten.“

Dieses Mal konzentrierte sie sich intensiver auf die unbekannte Gestalt und stellte zuerst einmal fest, dass es sich um einen Menschen handelte, der sie angeblich noch nicht einmal wahrgenommen hatte. „Natürlich nicht!“ Sie lächelte hochmütig. „Niemals wären Menschen auch nur im Entferntesten im Stande, mit den überragenden Sinnen der Elfen mithalten zu können, ganz zu Schweigen denen der Königlichen!“

Trotz allem machte die Gestalt, dieser einfache Mensch, sie stutzig, irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Sie konnte es nicht genau in Worte fassen, aber es bescherte ihr ein unwohles Magengrummeln und ein nicht allzu angenehmes Kribbeln auf den Armen. Ihre Haare sträubten sich ein wenig. „Was soll das? Es ist doch nur ein Mensch! Wieso hat Dieser eine solch verwirrende Wirkung?“ Verzweifelt versuchte sie die negativen Gefühle abzuschütteln, so wie es einer Wächterin zu eigen war. Nichts durfte sie ablenken, niemals! Und negative Gefühle waren mitunter der schlechteste Einfluss denen sich eine Wächterin aussetzen und somit alles aufs Spiel setzen konnte.

Es war frustrierend, denn auch Amdir blieb still. Auch der weise Baum der Transformation konnte ihr hier nicht weiterhelfen.

Argwöhnisch beobachtete sie den Menschen und stellte fest, dass er sich irgendwie seltsam bewegte. Er strahlte wellenförmige Energien aus und immer wenn Fæolin versuchte diese Energien mit ihrem Geist einzufangen, begann das Bild zu….. flackern. Sie fand keine bessere Beschreibung dafür, denn genauso sah es aus. Als hätte ein altes Fernsehgerät schlechten Empfang und mit einem leichten Wackler der Antenne könnte man das Bild wieder scharf stellen! Nur dass es hier keine Antenne oder dergleichen gab, leider funktionierte das hier nicht, im Gegenteil. Je mehr sie versuchte das Geschehnis vor sich zu deuten, desto weniger verstand sie.

Die Energien, die diesen Menschen umgaben, befanden sich in einem steten Wandel der Bewegungen und ließen sich einfach nicht erklären. Fæolin befand, dass sie der Sache selbst auf den Grund gehen müsse und watete bedächtig leise Richtung Ufer durch den schimmernden See.

Ein glockenklares Lachen erklang. „Ich werde dir meinen Namen nicht verraten! Und wenn du weiter so einen Zirkus veranstaltest, wird das kein bisschen ändern!“

Das rothaarige Mädchen, diese wunderschöne junge Elfe, kicherte verschlagen und wich Noah gekonnt aus, der gerade drauf und dran war sie an sich zu reißen und kräftig durchzukitzeln. Natürlich in der leisen Hoffnung ihr damit ihren Namen zu entlocken.

Doch der Plan scheiterte, denn selbst im Traum waren ihre Reflexe um Welten besser als seine und sie schien alle seine Schritte vorauszuahnen.

Wieso?“, fragte er trotzig wie ein kleines, bockiges Kind. „Wieso was? Wieso ich dir meinen Namen nicht verrate?“ „Nein! Wieso du meine Träume beeinflusst? Wieso kommst du immer wieder in meine Träume?“

Falls die Frage sie aus der Fassung brachte, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Sie lächelte und ließ sich beherzt ins Gras plumpsen. „Kleiner, du sagtest es doch bereits: es sind DEINE Träume! Und wie sollte irgendjemand auf dieser Welt beeinflussen können wovon du träumst?“

Wütend funkelte Noah die Elfin an. Zwischen zusammengepressten Zähnen knurrte er: „Kleiner? Du siehst aus, als wärest du mindestens 5 Jahre jünger wie ich!“ Lächelnd zwinkerte die rothaarige Schönheit ihm zu und ignorierte seinen kleien Wutanfall. „Außerdem fühlen diese Träume sich anders an, irgendwie durchdachter. Als würde sie jemand in eine bestimmte Richtung lenken. Und sie wirken realer als meine gewöhnlichen Träume. Und ständig entwickelt sich alles zu deinen Gunsten, ich kann hier überhaupt keinen Einfluss ausüben!“, fügte er hinzu.

Das Elfenmädchen wirkte erheitert und erwiderte: „Wieso machst du dir so viele Gedanken um deine Träume? Du bist wirklich seltsam. Wie sollte ich denn jemandes Träume beeinflussen? Ganz zu schweigen davon dass ich dich ja nicht einmal kenne.“ „Eben.“ Noahs Stimme wurde gereizter. „Und wieso sollte ich von jemandem träumen den ich noch nie zuvor gesehen habe, und dessen Namen ich noch nicht einmal kenne? Du scheinst alles von mir zu wissen…“ Wieder überging sie seinen Seitenhieb und antwortete kichernd: „Hattest du jemals das Gefühl du hättest Kontrolle über das was du träumst? Komm wieder runter und genieß deine Träume….Kleiner!“

Das genügte um Noahs Gereiztheit ins Unermessliche steigen und ihn vollends die Beherrschung verlieren zu lassen. Er ging regelrecht in die Luft als er die Königliche anzischte: „Verschwinde!! Verschwinde endlich, ein für allemal!“

Fæolin war fast am Ufer angelangt, als ihr Fuß auf einem glitschigen Stein abrutschte und somit ein plätscherndes Geräusch verursachte als sie versuchte wieder Halt zu finden. „Verdammt!“ Hastig blickte sie zu der dunklen Gestalt hinüber. Und tatsächlich hatten sogar die miserablen Menschenohren ihr Missgeschick gehört. Der Mensch, ein Mann, soweit Fæolin es in dieser einzigen winzigen Sekunde beurteilen konnte, fuhr erschrocken herum und starrte sie an. Ein ängstliches, rotes Lodern erfüllte seine Energie. Doch sie spürte noch etwas anderes. Neben dem Anflug von Überraschung war da noch…..

War das…… Wut? Und tatsächlich, in seiner Aura befanden sich winzige dunkle Flecken, die das typische Anzeichen von Wut und Zorn waren. Nichts dauerhaftes so weit sie es beurteilen konnte, aber trotzdem fragte sie sich, ob der Mensch auf sie wütend war. Schließlich hatte er sie gerade erst bemerkt.

Allgemein war es äußerst ungewöhnlich einen Menschen in der Nähe des Sees herumlungern zu sehen, noch dazu mitten in der Nacht. Auf der anderen Seite war es auch sicherlich merkwürdig die Wächterin nachts dort anzutreffen, überlegte Fæolin weiter.

Unter normalen Umständen hätte sie sich gar nicht um die Anwesenheit eines Menschen gekümmert, da sie sich einfach nicht für sie und deren Belange zu interessieren hatte.

Doch dieser Mensch zog sie auf unerklärliche Weise an und sie hatte das vage Gefühl ihn zu kennen. Ein seltsames Gefühl der Vertrautheit ergriff Besitz von ihr, als sie dem Mann ins Gesicht starrte. Sie konnte sich das beim besten Willen nicht erklären und wollte ihn gerade ansprechen, als er einfach verschwand. Nicht dass er hastig weitergelaufen oder einfach schreiend davongerannt wäre. Nein, vielmehr flackerte das Bild kurz auf und in einem, in Fæolins Ohren tosendem, ohrenbetäubendem Augenblick war es einfach weg. Viele kleine leuchtend rote und tiefschwarze Energiepartikel regneten auf die Erde, auf die Stelle wo vor wenigen Minuten noch der Mann gestanden hatte.

Wie vom Donner gerührt stand die Wächterin da und war zu keiner Bewegung fähig. Was in Herrgotts Namen war hier gerade passiert? Abgesehen von der absolut surrealen Erscheinung war der Abgang nun wirklich einen Tick zu merkwürdig um real gewesen zu sein. War der Mann jetzt vor ihren Augen gestorben? Hatte sie ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Tode erschreckt? Unter normalen Umständen hätte sie das vielleicht zum Lächeln gebracht, aber dies war einfach zu schockierend gewesen.

Sie wusste nicht viel über die Menschen und hatte sich auch noch nie Gedanken darüber gemacht, ob und wie diese lebten oder diese Welt wieder verließen. Somit konnte sie auch nicht mit Sicherheit sagen, ob das Spektakel hier vielleicht einfach nur ein normaler Lebensvorgang der Menschen war.

Wieder befragte sie die Natur, doch diese war heute Nacht ungewohnt wortkarg, als hätte sie von dem Ganzen hier überhaupt nichts mitbekommen. „Merkwürdig…“, murmelte sie.

Mit einem müden Blick wandte sie sich von dem leuchtenden Farbenspiel ab und begab sich mit feuchten Kleidern auf den Rückweg. Trotz der warmen Temperaturen und der Tatsache, dass Elfen ohnehin keine Kälte oder Hitze kannten, fror sie, denn dieses Zittern kam aus ihrem Inneren, wie sie bemerkte. Erneut bemächtigte sie sich der beruhigenden Energie der Natur und nach einer weiteren Anwendung einer Beruhigungstechnik ließ der neuerliche Druck auf ihrer Brust stark nach.

Noch so ein Erlebnis heute Nacht und ich bin nicht mehr in der Lage die Barriere aufrechtzuerhalten!“, seufzte sie und schlurfte leise zurück in ihr Bett.

Noah erwachte von einem lauten Knall und sah sich verwirrt um. Er selbst hatte den Knall verursacht als er mit Ach und Krach aus dem Bett geflogen und hart auf dem Boden aufgeschlagen war. Sein Kopf schmerzte und seine Augen brannten. Im Bauch verspürte einen unbändigen Zorn, der ihn dazu verleitete ein weiteres Mal auf sein wehrlosen Kissen einzuschlagen das ihn, aus Loyalität, auf den Boden begleitet hatte, jedoch seinen Kopf nicht abfedern konnte, als dieser auf dem harten Holzboden landetete. „Dieses verdammte M…..“ Moment Mal! Wollte er dieses Wort gerade tatsächlich denken? Was zur Hölle war nur los mit ihm, dass er so ausrastete? Seit wann beschimpfte er niedliche Mädchen, noch dazu wegen eines dummen Traumes?

Gewiss, das war nicht sein erster Traum von einem Mädchen, und sicher auch nicht der Letzte den er erregt verließ. Jedoch stellten sich die meisten Träume später als Realität heraus und wenn es sich doch tatsächlich um einen Traum handelte, entwickelte sich dieser in der Regel in die Richtung die ER wollte: Befriedigung und gemeinsames Glück. Er liebte die Mädchen und die Mädchen liebten ihn. Doch normalerweise handelte es sich hierbei um Menschenfrauen und nicht um royale Elfinen, die weit jünger schienen als er. Seine glücklichen Auserwählten waren wunderschön, manchmal auch exotisch. Aber keine seiner üblichen „Bettgefährten“ glich in irgendeiner Weise diesem rothaarigen Biest. Er kam einfach nicht über den Umstand hinweg, dass sie ihn herabgewürdigt und nicht ernst genommen hatte.

Hattest du jemals das Gefühl du hättest Einfluss auf das was du träumst, Kleiner?“ Dieser eine Satz fachte seine Wut erneut an, denn nicht nur der Ausdruck „Kleiner“ ließ es in ihm brodeln, sondern auch der wissende Ausdruck in ihrem Gesicht, der sich bei ihrer Aussage gezeigt hatte. Und wieder einmal hatte er das Gefühl keine Kontrolle zu haben, vor allem wenn er von dieser rothaarigen Schönheit träumte. Am schlimmsten jedoch war die Tatsache, dass sie ihn reizte, diese Schönheit, die bei einem Menschen niemals möglich gewesen wäre. Nicht nur die ungewöhnlichen roten Haare machten dieses Mädchen besonders. Er war fasziniert von ihren unglaublich langen Wimpern und ihren perfekten Gesichtszügen mit den markanten hohen Wangenknochen. Sinnliche Lippen und perfekte, weibliche Konturen, die hochgewachsene Gestalt und ihr neckisches Grinsen, all das hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt und ließ sich nicht mehr auslöschen.

Er war es nicht gewohnt, von einer Frau so eingenommen zu sein, denn normalerweise gestaltete es sich genau umgekehrt. Die Frauen lagen ihm zu Füßen und er hatte nie Mühe sie von sich und seinen Absichten zu überzeugen. Er konnte sie alle haben, jederzeit und überall. Doch diese Elfe war anders. Ja, natürlich, sie war eine Royale und er würde im realen Leben niemals auch nur ansatzweise in ihre Nähe kommen, aber trotzdem. Dieser Traum wühlte ihn so auf, dass er Mühe hatte überhaupt noch klar denken zu können.

Bronzenfarbene Haut, fliederfarbene Augen, perfekt geschwungene Augenbrauen, feuerrotes Haar, wunderschöne Kontur…. Oh Mann, diese Rundungen…..

Noah!“ Der panische Ausruf seiner Mutter riss ihn unerwartet in die Realität zurück. Ein weiteres Mal drohte er vor Schreck auf den Boden zu knallen, wobei er ja schon auf dem Boden saß und dadurch nicht allzu viele Verletzungen riskiert hätte. Er fing sich jedoch mit einem Arm ab und starrte seine Mutter erschrocken an. Seine Mutter bedachte ihn mit einem schockierten Blick. Er musste schon ein komisches Bild abgeben, wie er so am Boden saß, in einem Gewühl aus Decken und Kissen, geisteskrank auf sein Kissen einschlagend.

Er folgte dem missbilligenden Blick seiner Mum und bemerkte erst jetzt, dass die Sandwiches mit ihm auf den Boden gesegelt waren. Er versuchte einen entschuldigenden Blick aufzusetzen, was ihm bei seinem derzeitigen Wutpegel sichtlich schwerfiel.

Der werte Herr muss sein Essen ja nicht zu sich nehmen, wenn es ihm nicht mundet, aber es geziemt sich auch nicht es wie wertlosen Müll auf den Boden zu werfen!“, trompetete seine Mutter theatralisch. „Mum, bitte!“, stöhnte Noah. „Wir sind doch nicht bei Shakespeare! Die Sandwiches sind ja nicht absichtlich auf dem Boden gelandet.“ Sie hob eine Augenbraue. „Apropos, was machst du denn eigentlich auf dem Boden? Gefällt dir dein Bett jetzt auch nicht mehr?“ Ein erneutes Seufzen von Noahs Seite. Mit einem leichten Lächeln, und einem deutlich reduzierten Stresspegel, erhob er sich und beförderte das Bettzeug dorthin wo es hingehörte. „Hast du dich etwa wieder hinausgeschlichen?“ Sie musterte ihn forschend. Ihre Augen weiteten sich plötzlich. „Nein, natürlich nicht. Ich bin volljährig, Mum. Ich habe keinen Grund mich hinauszuschleichen!“ „Aber ganz offensichtlich hattest du in den vergangenen Stunden viel Spaß….“ Ihre zweite Augenbraue hob sich, sie blickte ihn missbilligend an. Noah stutzte und sah seine Mutter verwirrt an. Was zur Hölle meinte sie? Er folgte ihrem Blick und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. In diesem Moment wich seine Zornesröte einer noch viel intensiveren Schamesröte, ihm wurde noch heißer, seine Ohren glühten in wundervollem Purpur. In seinen engen Jeans, die er ja vor dem Schlafengehen angelassen hatte, zeichnete sich eine eindeutige Beule ab. OH…. MEIN…. GOTT…..! Konnte diese Nacht noch peinlicher werden? Nicht nur dass er die Beherrschung vor einem Mädchen verloren hatte, trotz seiner Wut auf die Königliche hatte sie ihn doch in ungewollte Erregung versetzt, obwohl er sich so sehr dagegen wehrte. Und seine Mum musste jetzt auch noch die Spuren dieses merkwürdigen Traumes bemerken….

Ähm….“, stotterte er beschämt, unfähig weitere Worte hervorzupressen.

Seine Mum wandte sich demonstrativ ab und sagte: „Schon gut, Junge! Ich wünsche dir weiterhin eine reizvolle Nacht!“ Die Missbilligung schwang in ihrer Stimme mit, während sie die Tür schloss. Jetzt wünschte sich Noah erst Recht ein Loch im Erdboden, in das er hineinspringen könnte.

Seine Wut auf das rothaarige Elfenmädchen kehrte mit voller Wucht zurück und er verprügelte abermals sein Kissen. „Verdammtes Miststück!“, kam es ihm letztendlich doch über die Lippen. „Was hast du nur mit mir gemacht?“ Erschrocken über die Härte seiner eigenen Worte, wandte er sich Richtung Fenster. Noch nie im Leben hatte er solche Worte benutzt und schon gar nicht gegenüber einer Frau. Doch dieses königliche Mädchen warf alles durcheinander und übte eine Macht auf ihn aus, die er sich nicht erklären konnte.

Um wieder Herr über seinen Körper und seine Gefühle zu werden, beschloss er ein bisschen an die frische Luft zu gehen. Er wollte vorerst jeglichem Schlaf entkommen. Er war ohnehin zu aufgekratzt. Er verschwand durch das Fenster, um der Gefahr zu entgehen seiner Mutter noch einmal begegnen zu müssen. „Zum letzten Mal bin ich vor Jahren aus diesem Fenster geflüchtet!“ Noah grinste. Unter normalen Umständen hätte er natürlich wie jeder halbwegs zivilisierte Mensch die Haustür benutzt, aber besondere Situationen erforderten eben besondere Maßnahmen!

Die kalte Nachtluft schlug ihm entgegen und rüttelte seine Sinne wach. Erleichtert setzte er sich in Bewegung, egal wohin seine Füße ihn trugen.

Kurze Zeit später bemerkte er, dass er vor Moiras Haus stand. Moira war eine gute Freundin, zu der er immer ging, wenn er mal wieder Probleme mit einer seiner vielen Verehrerinnen hatte, was recht häufig der Fall war. Moira war nur geringfügig jünger wie er, wohnte jedoch schon alleine, was die „Arbeit“ mit ihr unheimlich erleichterte. Denn heute Nacht brauchte Noah ein Ventil, bei dem er die ganze aufgestaute Wut und all die anderen Gefühle los werden konnte. Und ihm war heute Nacht sicher nicht mehr nach Reden zumute.

Er klingelte, ungeachtet der Tatsache, dass es 2 Uhr morgens war. Eine vergleichsweise wache Moira antwortete über die Anlage. „Ja?“ „Moira, ich bin´s, Noah. Ich brauche deine….“ Er stockte. „…Hilfe!“ Es dauerte einige Sekunden, bis Moira den Türöffner betätigte. Schnell schlüpfte er in das imposante Haus. Tja, als Tauscher hatte sie kein allzu schlechtes Leben. Es kam zwar dem der königlichen Elfen nicht im Entferntesten nahe, aber für die Verhältnisse der Menschen galt Moira als außerordentlich wohlhabend. Was auch der Grund dafür war, dass Noah nicht ihr einziger Freund war.

Moira stand im Foyer, in einem leichten Negligee, das seiner Fantasie kaum Spielraum überließ. Mehr Haut als Stoff, stellte Noah erleichtert fest. Das würde ihm sein Vorhaben erheblich erleichtern.

Moira sah ihn überrascht an. „Noah, was machst du denn hier, mitten in der Nacht? Ist es wieder eine deiner Verflossenen?“ Schmunzelnd sah sie ihn an. Ihr Blick fiel auf dieselbe Stelle wie der seiner Mutter, doch dieses Mal schämte er sich nicht mehr. Er hatte keinen Grund seine Erregung zu verbergen, nicht bei Moira. Schließlich führten die beiden keine Freundschaft im herkömmlichen Sinne.

Moiras Augen blitzten als sie sich korrigierte: „Ok, also heute werden wir wohl nicht viel reden.“ Noah schüttelte gereizt den Kopf und ging auf Moira zu. Unterwegs hatte er sich bereits gänzlich entkleidet und trug die zierliche Moira zu der weißen Ledercouch. Er hatte keine Lust bis hoch ins Schlafzimmer zu gehen, da er sich nicht sicher war, wie lange er seine Gefühle noch würde unter Kontrolle halten können.

Moira ließ sich bereitwillig und ohne lästige Fragen von ihm nach allen Regeln der Kunst verführen, normalerweise. Doch gerade als er ihr das Negligee vom Leib gerissen und sie mit gierigen Küssen übersät hatte, schlich sich ein Bild in sein Bewusstsein: feuerrotes Haar, bronzene Haut… Noah versuchte sich wieder auf Moiras wundervollen, nackten Körper zu konzentrieren, um seinem eigentlichen Ziel endlich näher zu kommen.

Sinnliche, volle Lippen empfingen ihn und er überließ sich gerne Moiras Reizen. Eine einzelne, rote Locke löste sich aus ihrem Zopf. Nur dass Moira keine roten Haare hatte.

Frustriert riss Noah sich zurück, unfähig das Gesicht der Königlichen auszublenden.

Moira musterte ihn erstaunt. „Stimmt etwas nicht? Was ist los mit dir?“ Sie streichelte seine Wange und versuchte ihn wieder zu sich zu ziehen. Noah zog sich weiter zurück und ließ sich frustriert auf die Couch fallen. „Es tut mir Leid, Moira. Es hat nichts mit dir zu tun!“ Es klang genauso lahm wie es sich anfühlte. Moira schien verwundert, aber bedrängte ihn nicht weiter. Noah war ohnehin schon wieder in zornigen Gedanken versunken. „Was will dieses Mädchen von mir? Sie beeinflusst mich, selbst wenn ich nicht schlafe. Noch nie hatte ich Schwierigkeiten mich oder eine Frau zufriedenzustellen!“ Das stimmte, bis heute war ihm dergleichen noch nie passiert. Wenn er es wollte, fand er innerhalb kürzester Zeit eine geeignete Partnerin und stets gingen beide Parteien glücklich auseinander. Gelegentlich interpretierte eine seiner „Gefährten für ein bisschen Spaß“ zuviel in das Ganze und hing ihm längerfristig am Hals, aber normalerweise ließ sich das regeln.

Dieses Mal allerdings gab es nichts zu regeln, da seine Fantasien einem Fantasiegebilde entsprangen. Er konnte dieses wunderschöne Gesicht nicht verdrängen, so sehr er es auch versuchte. Dabei konnte er sich ja noch nicht einmal sicher sein ob diese Königliche überhaupt in der Realität existierte. Und selbst wenn, würde ein Mensch sicher niemals mehr über sie erfahren, geschweige denn sie zu Gesicht bekommen. Sie hatte ihn seiner Sinne beraubt, seiner Körperkontrolle und nun auch noch seiner Fähigkeit erfolgreich zu lieben, im rein körperlichen Sinne. Denn von dem Gefühlsdings Liebe hatte Noah schon oft gehört, aber er hielt nicht viel davon, ihm reichte die körperliche Ebene vollkommen.

Moira, die ihn stumm beobachtet hatte, fragte: „Möchtest du was trinken? Ich hole mir schnell ein Glas Orangensaft, irgendwie verspüre ich gerade eine wahnsinnige Hitze und Durst.“ Das war´s, weiter ging sie auf das eben Geschehene nicht ein und Noah war dafür unendlich dankbar. Er schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Im Moment nicht!“ Sie nickte und begab sich in Richtung Küche, immer noch nackt. Doch Noah konnte das heute Nacht nicht mehr beeindrucken, irgendetwas hatte sich verändert. Auch wenn er noch nicht recht begreifen konnte was.

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