Kapitel 2

Kapitel 2

Ärger und Zorn sind ein Zeichen von Angst!“

~Anthony Robbins~

Nach dieser ereignisreichen und dadurch recht schlafarmen Nacht, erwachte Fæolin nicht sofort beim ersten Hämmern an ihrer Tür. Aber allmählich tauchte sie aus den Nebeln der Schläfrigkeit auf und wunderte sich zuerst über das laute Gepolter auf dem Flur. Aber als die äußerst verstimmte Dienstmagd ihrer Eltern den Raum betrat, und Fæolin sich ihren funkelnden Blicken hilflos ausgeliefert sah, begriff sie plötzlich. „Wie spät ist es?“, fragte sie entsetzt. „Nun ja, Tuia, ihr Unterricht begann vor 2 Stunden, es ist bald Mittagszeit!“ Die förmliche Anrede ihres Wächterpostens, ließ Fæolin genervt das Gesicht verziehen. Diesen hochtrabenden Titel wählte die liebe Magd nur, wenn sie wirklich wütend war, was Gott sei Dank nur selten vorkam. Ihr Pflichtbewusstsein meldete sich und sie sprang auf. „Es tut mir furchtbar leid, ich bin so schnell wie möglich da!“, stammelte Fæolin. Die Magd setzte zu einer Antwort an, doch ein Tumult im Flur unterbrach sie. Durch den Spalt der offengebliebenen Tür sah sie jemanden in Windeseile durch den Flur rennen, was die Aufmerksamkeit der ihr zugeteilten Beschützer erregte, die stets vor ihrer Tür wachten.

Die Magd fuhr wütend herum und rannte auf den Flur. „Miss Finya!!! Wie oft soll ich denn noch sagen, dass hier nicht herumgerannt wird. Benehmen sie sich endlich wie es sich ihrem Rang geziemt!“, schrie die wütende Frau. „Herrgott nochmal, dieses Kind treibt mich noch in den Wahnsinn!“ Fæolin grinste. Es kam sehr selten vor, dass die zierliche Frau fluchte, aber ihre Schwester schaffte dies doch stets in einem beängstigenden Tempo. Ihre Schwester war der Wirbelwind der Familie und scherte sich kaum um königliche Etikette oder Regeln. Sie war das Gegenteil von der pflichtbewussten Fæolin, deren ganzes Leben aus Richtlinien und Gepflogenheiten bestand. Finya war ein Freigeist, dem niemand etwas vorschreiben konnte, und Fæolin beneidete sie manchmal um ihre Freiheit.

In diesem Moment trat Idhren lächelnd in das Zimmer und schloss leise die Tür. Sie wies immer noch den gleichen matten, fahlen Gesichtsausdruck auf, den sie schon bei der Prophezeiung vor 2 Jahren gehabt und der sich seitdem kaum verändert hatte.

Meisterin, es tut mir so furchtbar leid. Das kommt nie wieder vor!“ Betreten sah Fæolin zu Boden. „Fæ, du sollst mich nicht mit diesem dämlichen Getue ansprechen, das weißt du. Und es ist nicht schlimm, dass du heute verschlafen hast, wir können unseren Unterricht jederzeit machen. Der Stoff geht sicher nicht so schnell aus, und 2 Stunden hin oder her sind nun wirklich kein Drama. Hast du dich denn wenigstens anständig ausgeschlafen? Du siehst heute ungewohnt müde aus!“, bemerkte Idhren besorgt. Fæolin wusste, dass sie Idhren nichts vormachen konnte. Trotzdem befürchtete sie von ihr als lächerlich abgestempelt zu werden. „Ich…. hab keine Ahnung!“ Idhrens Augenbrauen zuckten. „Du hast von was keine Ahnung?“ Fæolin seufzte. Wie sollte sie ihr das nächtliche Geschehen plausibel erklären ohne vollkommen geisteskrank zu klingen? Ganz zu schweigen von ihrem Spaziergang, den sie durch das Fenster getätigt hatte, um der ständigen Begleitung ihrer Beschützer zu entgehen. Dieses ganze Beschützergehabe war ohnehin komplett überzogen. Wovor sollten sie sie denn beschützen? Noch nie hatte sich einer Wächterin auch nur ansatzweise eine Bedrohung genähert und Fæolin konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen wie eine solche Bedrohung überhaupt aussehen hätte können.

Lass uns etwas essen gehen, du hast sicher Hunger.“

Idhrens Worte rissen Fæolin aus ihren Gedanken. Sie blickte ihre Freundin an. Deren Worte hatten freundlich geklungen, aber es war Idhren nicht ganz gelungen den Argwohn aus ihrem Blick zu verbannen. „Und dann erzählst du mir genau was passiert ist!“

Fæolin stieß einen resignierten Seufzer aus. Wenn es um ihre Lehrmeisterin ging, hatte sie nie eine Wahl, sie würde wie immer gehorchen, so war sie nun einmal erzogen worden. Auch wenn sie damit Gefahr lief von ihrer einzigen Freundin als vollkommen geistesverwirrt abgestempelt zu werden.

Lächelnd hakte sie sich bei Idhren unter. „Ich habe ja sowieso keine Wahl.“ Idhrens Blick wurde weicher und zusammen mit ihrem Schützling begab sie sich auf den Weg zum Bankettsaal.

Pancakes?“. säuselte eine verführerische Stimme.

Noah warf sich verschlafen auf die Seite, was jedoch nur dazu führte, dass er mit einem ohrenbetäubenden Krachen auf dem Marmor-Boden landete.

Verdammt nochmal!“ Was war das nur mit ihm und der vermaledeiten Schwerkraft?

Ein leises Kichern von Moiras Seite ließ seine Laune ins Unermessliche sinken und er blickte noch verdrießlicher drein.

Nein, danke. Mir ist der Appetit soeben vergangen!“, fauchte er wütend.

Moiras Grinsen verbreiterte sich und Noah verdrehte genervt die Augen.
„Wenn du nicht aufpasst, bekommst du vielleicht eine Rolle als Grinsekatze bei Alice im Wunderland. Ich würde mal beim Theater anfragen, dieser Charakter ist dir wie auf den Leib geschnitten!“

Diese Sarkasmus-Bombe flog einfach an Moira vorbei und verpuffte im Nichts.

Gelassen setzte sie sich auf den gerade überraschenderweise freigewordenen Platz auf der Couch. Genüsslich knabberte sie an ihrem Pancake und musterte ihn nachdenklich.

Oh nein, bitte nicht! Wag es nicht mich auf gestern Nacht anzusprechen!“, flehte Noah stumm.

Was wirst du jetzt tun?“

Verdattert starrte Noah sie an. „Was? Wie? Wovon redest du?“

Er blickte an seinem nackten Körper hinab. „Willst du dass ich mir was anziehe?“

Genervtes Augenverdrehen. „Nein, der Ausblick ist wundervoll und ich könnte ihn den ganzen Tag genießen.“ Ein weiteres Pancake-Stück fiel ihrem Hunger zum Opfer. „Aber du weißt genau, dass ich das nicht meinte.“ „Na, was denn dann?“ Er schlang sich eine Wolldecke um den Körper und setzte sich neben sie.

Moiras enttäuschter Blick und ihr beleidigter Schmollmund waren die einzige Reaktion. Ein weiteres Stück Pancake. „Wegen der Frau natürlich!“, brachte sie zwischen zwei Bissen kauend hervor.

Nun war es an Noah in schallendes Gelächter auszubrechen. „Da musst du schon etwas präziser werden, Moira.“

Ich spreche von der Frau, die dir so den Kopf verdreht, dass du in einer heißen Liebesnacht, mit mir, nur noch an sie denken kannst! Die Frau, die du so sehr begehrst, sogar mehr wie mich. Die Frau die dich durcheinander bringt und verwirrt, noch mehr als sonst!“

Scham- und Zornesröte traten auf sein Gesicht, als er ungewollt an die Königliche dachte, er verkrampfte sich.

Was hat diese Frau, dass sie solche Gefühle in dir auslöst? Wieso erzählst du mir nicht endlich wer sie ist? Ich wüsste wirklich zu gerne wer dafür verantwortlich ist, dass mein heißer Geliebter außerstande ist mir eine befriedigende Nacht zu bescheren.“

Noah warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Wenn ich es wüsste, würde ich es dir verraten, glaub mir!“

Wenn Moira vorher schon verwirrt gewesen war, so gab es, um diesen Gesichtsausdruck zu beschreiben, keinen passenden Begriff. Ungläubigkeit machte sich breit und ihre Augenbrauen zuckten. Ein Phänomen, das Noah nur sehr selten zu Gesicht bekam, da es ein sehr eindeutiges Zeichen für ihre Wut war.

Sie glaubte ihm nicht, verständlicherweise, und dachte er mache sich über sie lustig. Vollkommen zu Recht, wie Noah fand. An ihrer Stelle hätte er sicher genauso reagiert. Nein, schlimmer noch, er wäre einfach aufgestanden und gegangen. Dann hätte er sich eine neue Gefährtin gesucht.

Aber er schien Moira etwas zu bedeuten und sie wartete stumm auf weitere Erklärungen.

Er hätte etwas sagen sollen, sie beschwichtigen. Aber wie konnte er ihr die Situation plausibel erklären, ohne dabei komplett lächerlich zu wirken?

Was für eine verzwickte Lage…“

Idhren sah sie grübelnd an. „Fæ, du bist dir ganz sicher, dass du das nicht alles nur geträumt hast? Du willst mir also allen Ernstes erzählen, du hättest mitten in der Nacht einen Menschen am See gesehen? Und dieser ist dann einfach…. verschwunden? Einfach so? Explodiert? Und dabei lasse ich bereits den Umstand außer Acht, dass DU dich nachts ebenfalls dort herumgetrieben hast. Du bist aus dem Fenster geschlichen!“ Sie schnaubte verächtlich.

Wenn ich es dir doch sage, Idhren. Ich bin genauso ratlos wie du, ich hatte gehofft du könntest mir weiterhelfen. Und falls du mir nicht glaubst, sieh in mein Zimmer. Dort hängt mein tropfendes Nachthemd, es dürfte noch nicht getrocknet sein.“

Okay, schon gut.“ Die Wächtermeisterin hob beschwichtigend die Arme. „Aber bitte, Fæ, tu mir einen Gefallen und lass diese nächtlichen Ausflüge. Davon abgesehen, dass du dich selbst in Gefahr bringst, bringst du uns alle in Gefahr. Du weißt selbst, dass dich auch die kleinsten Unregelmäßigkeiten auf die Barriere auswirken und mögen sie noch so nichtig erscheinen. Du bist außerstande deine Gefühle ausreichend zu kontrollieren. Solche Situationen bergen ein unheimliches Risiko, Fæolin. Für uns alle.“

Stirnrunzelnd sah Fæolin sie an. „Welches Risiko? Keiner kann mir sagen von welcher Gefahr ihr ständig sprecht. Was sollte mir ausgerechnet hier passieren?“ Sie deutete auf ihre Wachen. „Wovor sollten wir denn Angst haben?“

Der dunkle Schatten erreichte diesmal auch Idhrens Augen. „Das ist kein schönes Thema, Liebes. Du wirst es noch früh genug erfahren.“

Ein Schaudern ergriff Fæolin und sie kicherte hysterisch, was ihre Unsicherheit nur noch offensichtlicher machte. „Ach, die schwarzen Reiter, das sind doch alles nur Märchen. Noch nie hat jemand sie gesehen. Es gibt nach wie vor keine Beweise für deren Existenz.“ Ihre Stimme zitterte und die Verzweiflung in ihren Worten war deutlich spürbar. Ohne Appetit knabberte sie an ihrem Obstteller und schwieg.

Hastig packte Noah seine Hose und hatte sich diese übergestreift noch bevor er bei der Tür ankam. Ein Manöver, das er so oft praktiziert hatte, dass es ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Jedoch fühlte er sich noch nie gezwungen davon in Moiras Haus Gebrauch zu machen.

Moment Mal!“

Eine Hand packte ihn am Arm und riss ihn herum. Mit beeindruckender Eleganz und überraschend flink hatte Moira sich von der Couch erhoben und war auf ihn zugestürmt. „Das kannst du vergessen. Du wirst jetzt nicht einfach abhauen, Kleiner.“

Etwas regte sich in Noah und er spürte Zorn in sich aufwallen. Dieses Wort, dieses gottverdammte Wort! Und dieses rothaarige Miststück… Nicht einmal in wachem Zustand ließ sie von ihm ab.

Schwer atmend versuchte er sich zu beruhigen, doch es gelang ihm nicht. Wutentbrannt drehte er sich um, wischte Moiras Hand von seinem Arm und knurrte: „Lass mich in Ruhe!“ Sie wich erschrocken zurück. „Siehst du was ich meine? Sieh dich doch an, so kenne ich dich gar nicht. Was hat sie dir angetan, dass du zur Zeit solche Verhaltensweisen an den Tag legst?“

Behutsam trat sie wieder einen Schritt vor, ihre Hand lag nun wieder auf seinem Arm. „Noah, sie tut dir ganz eindeutig nicht gut.“

Wer gibt dir das Recht so über sie zu sprechen? Jemanden, den du noch nicht einmal kennst.“
Dieses Mal blieb sie gelassen. „Du erzählst rein gar nichts über diese Frau. Dann erwartest du, dass ich dieses beschissene Verhalten dulde, das du ganz offensichtlich wegen deiner hübschen Unbekannten zeigst.“
Sie bohrte ihm ihren Zeigefinger in die muskulöse Brust, er nahm es kaum wahr.
„Mitten in der Nacht kommst du in MEIN Haus, führst dich auf wie der letzte Vollidiot und versuchst dann ohne weitere Erklärungen abzuhauen? Ist das dein Ernst? Ich hätte dich anders eingeschätzt, Noah!“

Ein trauriger Blick traf den Seinen. „Ich glaubte du würdest mir mehr vertrauen.“

Noah wandte sich zur Tür. „Tja, das tut mir ja wirklich Leid für dich.“

Zornig blickte er sie an. „Wag es nie wieder über sie zu sprechen und nenn mich nicht noch einmal so!“

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdgen, trat er hinaus in den Sonnenschein.

Hinter der nächsten Hausecke blieb Noah stehen und lehnte sich mit nacktem Oberkörper an die kühle Hauswand.

In seiner überstürzten Flucht aus Moiras Haus hatte er seine restliche Kleidung dort vergessen. Nicht, dass ihn das weiter störte. Er hatte kein Problem damit allen zu zeigen was er zu bieten hatte. Dieser Aspekt war es auch der ihn so mühelos Partnerinnen finden ließ.

Eine kichernde Mädchengruppe überquerte die Straße vor ihm. Bewundernde Blicke trafen ihn und Noah zeigte sein verführerisches Lächeln.

Verlegen kichernd senkten die Mädchen die Blicke und waren auch schon um die Ecke verschwunden. „Na, zumindest das funktioniert noch reibungslos!“ Er knallte seinen Kopf gegen die Wand. „Beim Rest allerdings….“ Ein zorniger Laut entwich seiner Kehle und er blickte sich verstohlen um. Er wollte auf gar keinen Fall riskieren die Schönheiten dieser Welt mit dieser seltenen Facette zu beunruhigen. Doch niemand war da, er war nach wie vor allein.

Was zur Hölle war nur los mit ihm? Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er mit einem Mädchen gestritten, schon gar nicht in diesem Ausmaß. Natürlich kannte er Wut, aber das heute war völliges Neuland für ihn. Was hatte all das zu bedeuten?

Resigniert raufte er sich die Haare. Wieso war er so aufbrausend, er hatte sich überhaupt nicht unter Kontrolle gehabt!

Er verspürte nur wenig Lust jetzt nach Hause zu gehen und entschied sich daher für einen anderen Ort.

Er schlug den kleinen Pfad Richtung See ein. Ein Platz, an dem er stets in Frieden nachdenken konnte und der nur selten besucht wurde. Er benötigte dringend Klarheit in seinem vernebelten Geist und der See versprühte eine magische Ruhe.

Seufzend setzte er seinen Weg fort.

Ok, Liebes, fangen wir ganz am Anfang an. Sag mir was du über unsere Geschichte weißt!“

Nach einem genervten Augenverdrehen seitens Fæolin, setzte sie sich im Schneidersitz auf ihren Platz, der aus einem reich verzierten Kissen bestand.

Ihr Pflichtbewusstsein meldete sich und sie holte tief Luft. „Ok. Am Anfang unserer Welt stand die Urträne, auch Nîn genannt. Sie formte die ursprüngliche Welt und mithilfe der Wächterinnen wurde die Barriere geschaffen um uns zu schützen.“

Ok das war die kurze Fassung, heute werden wir näher ins Detail gehen.“
„Muss das sein?“

Fae, wenn du unsere Geschichte und deine Aufgaben als Wächterin nicht verstehen lernst, werden furchtbare Dinge geschehen, glaub mir.“

Fæolin nickte widerwillig.

Ok, also die Barriere hat die Aufgabe uns zu schützen. Und heute werden wir darüber sprechen wovor. Sie trennt die Außenwelt von der Innenwelt, so viel ist klar. Aber weißt du auch warum wir vor der Außenwelt beschützt werden müssen?“

Fæolin musste schlucken, sagte aber nichts. Idhren sah sie durchdringend an und wartete. „Du musst dich damit auseinandersetzen, Kleines.“

Fæolin blickte zu Boden und flüsterte kaum hörbar: „Morna.Macar…“

Genau, die schwarzen Krieger der Außenwelt. Sie sind die Reinkarnation der Bösen, die Nahrung unserer schlimmsten Albträume. Niemand, der ihnen begegnete, kehrte jemals zurück. Und wenn doch, waren sie nicht mehr die Alten. Keiner von uns wird ein Zusammentreffen mit den Morna-Macar überleben. Und genau deshalb ist es so unheimlich wichtig, dass die Barriere aufrecht erhalten wird. Sie verhindert, dass die Gräuel aus Ettelea in unsere friedfertige Welt eindringen.“ Idhren blickte ihrer Schülerin direkt in die Augen. „Erinnerst du dich auch an die Prophezeiung? Deine Prophezeiung?“

Beinahe hätte Fæolin laut aufgelacht. Ob sie sich daran erinnerte? Jede verdammte Nacht träumte sie davon, sie kannte jedes Wort auswendig. Sie wünschte sich nichts mehr als all das vergessen zu können was an dem Abend geschah, aber das war ihr leider nicht möglich.

Die fahle Stimme ihrer Mentorin, die durch die Nacht hallte:

Die Knospe die das Land vereint und es in neuem Glanz erstrahlen lässt, in liebevoller Umarmung der Blüte, deren Schutz unser aller Glück bedeutet. Sollte die Blüte vergehen und die Knospe erwachen, wird Ettelea uns überrennen und Tingilya ist nur noch ein nichtiges Samenkorn in einem wasserlosen Grund!“

Die Knospe, Fae, das bist du. Du bist das Wichtige Teilchen, das alles miteinander verbindet. Deshalb ist es unsagbar wichtig, dass du all das hier…“ Sie machte eine umfassende Armbewegung. „verstehst und beschützen lernst. Du bist etwas Besonderes und dafür bestimmt Unglaubliches zu vollbringen. Du bist der Mittelpunkt der Barriere, die um jeden Preis aufrechterhalten werden muss. Ettelea, die Außenwelt, ist so gefährlich, dass sie Tingilya verschlingen könnte, falls sie dazu jemals Gelegenheit bekommen sollte. Und es ist deine Aufgabe das zu verhindern.“

Beklommenes Schweigen war die einzige Antwort die die Lehrmeisterin bekam.

Ettelea, warum dieser Name?“, flüsterte Fæolin leise.

Idhren blickte sie verwundert an. „Nun ja, es drückt das aus was es nun mal ist: fremd. Ettelea bezeichnet die weite Fremde, es ist ein altes Wort. Ein Wort der alten Sprache, die heute kaum noch jemand kennt. Dieses Wort ist eins der wenigen Überbleibsel der alten Welt.“

Was weißt du über die alte Welt, Idhren? Und wie können wir so viel wissen über etwas das wir als fremd bezeichnen?“

Die Meisterin lächelte. „Was ist denn heute mit dir los? Du bist sonst nie so wissbegierig, seit wann hinterfragst du denn alles?“

Fæolins Stimme erhob sich als sie zischte: „Vielleicht ja seit ich heute Nacht einen Menschen einfach auf der Stelle habe verschwinden sehen!“ Verzweifelt raufte sie sich die Haare.

Idhren starrte sie erschrocken an und beugte sich abrupt nach vorne. „Bist du des Wahnsinns? Du kannst das doch hier nicht so herausschreien. Um Himmels Willen, möchtest du, dass die anderen dich noch mehr meiden als ohnehin schon?“

Noch schlimmer kann es ja kaum werden. Warum sollten sie das tun?“

Ganz einfach: weil du vollkommen übergeschnappt bist. Kannst Traum von Realität nicht unterscheiden. Wie soll dich denn da noch jemand ernst nehmen?“
„Du…. du glaubst mir also nicht. Du denkst wirklich ich könnte mir so etwas ausdenken? Denkst du das wirklich?“

Ah, Fæ, ich weiß es nicht! Ich mache mir einfach Sorgen, die anderen Royalen meiden dich ohnehin schon. Was werden sie dann erst tun, wenn sie von deinen… verqueren Fantasien hören?“

Verquer?“ Fæolin konnte ihre Entrüstung kaum verbergen. „Ich würde niemals unsere ganze Existenz aufs Spiel setzen wegen irgendwelcher `Fantasien`! Ich dachte, du vertraust mir mehr, ich hatte wirklich gehofft, du könntest mir helfen.“

Tut mir Leid, Kleines. Ich kann nicht. Wir sollten jetzt mit dem Unterricht fortfahren, du musst deine Gefühle im Zaum halten! Also, machen wir weiter.“

Hmm, natürlich.“, antwortete die Schülerin sarkastisch. Sie sagte nichts, doch sie spürte ein beklemmendes Gefühl, das sie seit der gestrigen Nacht nicht mehr losgeworden war. Und sie wusste, über kurz oder lang, würde auch die Barriere diese Anzeichen übertragen. Wenn sie nicht lernte ihre Gefühle zu kontrollieren, würde diese nicht mehr lange problemlos bestehen. Das bedeutete nun mal auch, die manchmal etwas beängstigende Geschichte von Tingilya durchzukauen. Je besser sie die Geschichte rund um die Barriere verstand, desto besser könnte sie sie beschützen. „Das ist nun mal meine Aufgabe, bereits vor meiner Geburt war mein Schicksal bestimmt.“, dachte Fæolin. Und einmal mehr beneidete sie ihre unabhängige Schwester um deren Leben.

Ok, lass uns weitermachen!“

Idhren seufzte erleichtert und fuhr fort: „In Ordnung. Also wir waren bei den Morna Macar. Was kannst du mir darüber erzählen?“

Die Schülerin schluckte schwer, konnte sich aber zu einer Antwort durchringen. „Morna Macar ist ein alter Begriff. In der neuen Welt bezeichnet man sie überwiegend als schwarze Krieger. Sie sind furchteinflößend und brutal, handeln ohne Rücksicht auf Verluste. Sie finden Gefallen an…“, ihre Stimme stockte, als sich ihr wieder diese grausamen Visionen aufzwangen, die sie immer mit den Morna Macar verband. „Sie… sie finden Gefallen am sinnlosen Töten… Unschuldiger.“

Idhrens Dunkelheit verbreitete sich weiter in ihrem verhärmten Gesicht. „Ja, so wird es erzählt. Aber es gibt weitere Gründe warum die Morna Macar so gefährlich sind. Wie es die Prophezeiung schon sagt, sie können Tingilya und alles was wir kennen, binnen Sekunden vernichten. Deshalb schufen die Elfen die Barriere, um uns vor dieser Grausamkeit zu schützen, dass unsere wundervolle Welt fortbestehen kann.“

Aber warum? Warum tun sie das? Was haben wir denn getan, um all diesen Zorn auf uns zu ziehen?“

Es sind dunkle Seelen, gefangen in ihrem eigenen Schmerz. Vergiftet von ihren eigenen schlechten Angewohnheiten. Zorn, Gier, Neid, Eifersucht… All das verpestete ihren Geist und machte sie blind für die Schönheit der Dinge. Sie wollen unsere Welt verändern, uns ihren Willen und ihre Art zu leben aufzwingen, uns zu ihren wehrlosen, kleinen Sklaven machen.“ Die Meisterin hatte sich so in Rage geredet, dass es ihr nun kaum noch möglich war, sich unter Kontrolle zu halten!